Erfahrungsberichte aus Bolivien
6. Januar 2010 Weihnachtszeit
2010!Das neue Jahr hat begonnen, ich kann kaum glauben, dass ich schon vier Monate hier bin und endlich finde ich wieder Zeit um zu berichten wie es mir ergangen ist.
Im Dezember haben die großen Sommerferien hier begonnen und die Kinder mussten nicht mehr zur Schule. Gut für sie, aber etwas kompliziert für uns. Denn plötzlich hatten die Kinder keine Schulaufgaben mehr und wir mussten uns eine Menge Aktionen und Spiele ausdenken um sie bei Laune zu halten … hat aber doch ganz gut geklappt! Bis kurz vor Weihnachten haben wir jeden Nachmittag eine Gruppe von ca. 30 bis 40 Kindern für 4 Stunden beschäftigt. Von Sport machen über Filme gucken bis Basteln und kleine Ausflüge war alles dabei in unserem Programm und die Kinder haben mächtig Spass gehabt. Passend zu Weihnachten haben wir Dekorationen gebastelt und sogar ein kleines Theaterstück der Weihnachtsgeschichte einstudiert, was dann am letzten Tag den Eltern vorgeführt wurde. Zum Abschluss des Jahres bekam auch jedes Kind, das regelmäßig an der Hausaufgabenhilfe teilgenommen hat, noch ein kleines Geschenk vom Weihnachtsmann.
Und danach? … ja, dann hab ich auch endlich Ferien gehabt! NEIN, hab ich nicht. Die Arbeit wurde nur noch schwerer. Wie beschäftigt man denn die Freiwilligen am besten, wenn keine Kinder mehr da sind und alle Angestellten der Fundacion im Urlaub sind? Genau, man gibt ihnen quasi unlösbare Aufgaben! So jedenfalls hatten wir uns gefühlt als wir nach Weihnachten zur Arbeit gingen und einen Haufen Ziegelsteine und Zement vorfanden, mit der Aufgabe doch bitte schön die halbfertigen Innenwände in unserem kleinen „Schulgebäude“ bis zur Decke fertig zu mauern. Ohne irgendwelche nennenswerte Erfahrung im Baugewerbe, aber mit viel Motivation, haben wir uns dann doch ans Werk gemacht. Nachdem der erste Tag erstmal fürs ausprobieren geopfert wurde, waren wir danach dann doch in der Lage etwas sinnvolles zu stande zu bringen. Die Mauern sind zwar nicht sehr schön, aber dafür wenigstens gerade und stabil. Mittlerweile sind wir auch fertig mit mauern und beschäftigen uns damit, unser stolzes Werk gründlich anzusteichen, genauso wie alle restlichen Wände in unserer Arbeitstelle. Damit werden wir sicherlich auch noch einige Zeit verbringen ….
Ich selbst habe Weihnachten eher ruhig verbracht. Allerdings wollte die ganze Zeit bei mir keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen. Mit der Hitze hier ist das einfach nicht das selbe und all die geschmückten Palmen in der Stadt können einen richtigen Weihnachtsbaum auch nicht ersetzten. Erst an Heiligabend als ich mit den anderen Freiwilligen um eine kleine geschmückte Tanne herum saß und bei Glühwein und selbstgebackenen Keksen Weihnachtslieder gesungen wurden, hab ich mich damit anfreunden können, dass tatsächlich Weihnachten ist. Aber nächstes Jahr habe ich hoffentlich wir Schnee zu dieser Jahreszeit …
7. Dezember 2009 Evo, de nuevo! - Evo, aufs Neue!
Der neue und alte Präsident von Bolivien heißt Evo Morales. Am Wochenende waren Präsidentenwahlen im ganzen Land und der amtierende Präsidenten Evo wurde mit unglaublichen 62 % der Stimmen im Amt bestätigt, wowo … von solchen Ergebnissen kann eine Partei in Deutschland nur träumen. Aber ehrlich gesagt, viele andere Möglichkeiten gab es auch kaum. Die einzige ernst zunehmende andere Partei hatte als Kandidaten einen (angeblich) korrupten Ex-General ins Rennen geschickt, der konnte zwar die weise Oberschicht quasi komplett für sich einnehmen, wahlentscheident war aber die große Mehrheit der armen Indigenas. Also, Evo aufs Neue.
Ich war, ehrlich gesagt, sehr positiv überrascht vom Ablauf der Wahl. Eigentlich erwartet man eine Menge Unruhe wenn in einem Dritte-Welt-Land die extreme Linke gegen die extreme Rechte antritt bei einer Wahl. Aber ich hab am Wahlsonntag absolut keine Demonstrationen oder Unruhen mitbekommen, weder live noch in den Nachrichten. Vielleicht lag das auch an den ziemlich guten Vorbereitungen. Seit Donnerstagabend war im ganzen Land der Alkoholverkauf untersagt und Bars sowie Discotheken geschlossen. Mir hat das natürlich das Wochenende versaut, aber auf die Wahlen hat sich das positiv ausgewirkt. Am Sonntag war zudem der Straßenverkehr komplett untersagt und es fuhren überhaupt keine Autos, was den Sonntag zu einem sehr ruhigen Tag werden ließ. Der Wahlsieger Evo Morales kommt zwar in der europäischen Presse normal nicht sehr gut weg, was wohl an seiner antiamerikanischen Einstellung und seiner Freundschaft mit Venezuelas Diktator Hugo Chavez liegt, aber in Bolivien genießt er doch ein Recht hohes Ansehen. In dem Viertel Tirani wo ich arbeite hat die überwältigende Mehrheit für Evo gestimmt. Und warum? Weil er sich wirklich für die Menschen einsetzt und gegen die Armut kämpft. Sicher macht auch er Fehler und ich fühle mich nicht berufen dazu seine Politik zu beurteilen, aber ich kann sehen, dass das was er macht der armen Mehrheit im Lande Zuversicht gibt. Hoffen wir also, dass Evo die nächsten fünf Jahre sinnvoll nutzt!
Ansonsten ist bei mir alles in Ordnung. Seitdem Sommerferien sind, ist meine Arbeit etwas ruhiger geworden. Wir beschäftigen die Kinder nur noch nachmittags mit Spielen, Bastelaktionen usw. Vormittags bleibt dann Zeit für andere Sachen. In der letzten Woche haben wir die Jahresbewertung gemacht und Ziele sowie Aktivitäten für das nächste Jahr geplant.
Im Moment ist in Deutschland ja die Adventszeit in vollem Gange, bei mir hingegen will die Weihnachtsstimmung nicht so wirklich aufkommen. Die Stadt ist zwar schon prächtig geschmückt (was teilweise ziemlich absurd erscheint, denn an eine Palme gehört einfach keine Weihnachtsbeleuchtung) und wir singen mit den Kindern täglich Weihnachtslieder, aber bei 30°C fühle ich mich einfach nicht nach Weihnachten. Vielleicht ändert sich das ja noch ...
22. November 2009 Sommerferien
Sommerferien? … im November? Ich konnte es auch kaum glauben, bis mir dann wieder eingefallen ist, dass ich mich ja auf der Südhalbkugel der Erde befinde. Also tatsächlich Sommerferien, allerdings nicht für mich, sondern nur für die Kinder in Tirani. Seit einer Woche gilt die Schule offiziell als beendet, jedoch nicht für die Kinder, die versetzungsgefährdet sind. Diese müssen noch zwei Wochen länger zur Schule um intensiv für ihre Examen zu lernen. Für mich bedeutet das, dass mein Apoyo individual am Vormittag erstmal weiter geht, denn 3 von meinen 4 Schülern, die ich bis jetzt betreut habe sind versetzungsgefährdet, obwohl sie sich in den letzten zwei Monaten doch schon verbessert haben. Nachmittags findet jetzt nicht mehr die Hausaufgabenbetreuung statt, sondern wir vier Freiwillige organisieren Spiele und Aktivitäten, damit die Kinder beschäftigt sind und nicht auf der Straße herumhängen. Die letzte Woche haben wir zum Thema Umwelt und Müll geplant. Den Menschen hier in den Armenvierteln fehlt einfach jedes Bewusstsein für ihre Umwelt und Müll wird daher ohne schlechtes Gewissen einfach so verbrannt oder auf die Straße geworfen. Deshalb haben wir versucht den Kindern ein wenig die Zusammenhänge in der Natur beizubringen. Außerdem haben wir mit den Kinder in der Gemeinde Müll gesammelt. Da wir daraus eine Art Gruppenwettkampf mit Preisen für die meisten Müllsäcke gemacht haben, waren die Kinder auch mit viel Motivation dabei und am Ende hatten wir auch eine stattliche Menge Müll beisammen.
Lago Titicaca: Vor ca. drei Wochen war es endlich soweit. Mein erster Urlaubsausflug um mein Gastland ein bisschen besser kennen zu lernen. Dank dem katholischen Feiertag Allerheiligen hatten wir ein langes Drei-Tage-Wochenende und wo sollte es hingehen: zum Titicaca See natürlich, der großen Touristenattraktion Bolivien. Nach einer fast 10 stündigen Busreise über Nacht kamen wir am Samstagmorgen am Lago Titicaca an und waren überwältigt von der Schönheit dieses riesigen Sees, der sich in einer Höhe von fast 4000 Meter wie ein kleines Meer am Horizont entlang streckt. Von dem Wallfahrtsort Copacabana (übrigens Namensgeber des berühmten Strandes in Rio) am Ufer des Sees setzten wir in einem kleinen Boot über auf die Sonneninsel. Diese „Isla del Sol“ gilt als die Geburtsstätte der Inkakultur und beherbergt dementsprechend viele wirklich interessante Ruinen dieses untergegangenen Imperiums. Auf der Sonneninsel gibt es keine Autos und die Menschen scheinen hier noch zu leben wie im Mittelalter, nur die zahllosen Touristen stören da ein wenig das Ambiente. Auf dieser Insel haben wir eine Nacht verbracht. Einfach unbeschreiblich war der Sonnenuntergang den wir vom höchsten Berg der Insel aus bestaunt haben.Während die Sonne im Westen den Himmel in ein tiefes Orange getaucht hat und das ansonsten tiefblaue Wasser des Sees rötlich schimmerte, wurden die mächtigen, schneebedeckten Gipfel der 6000 Meter hohen Andenkordillere im Osten bereits vom Vollmond in ein sanftes Silbergrau getaucht … Am nächsten Tag sind wir dann einmal quer über die Insel gewandert wobei ich dann auf die etwas ausgefallene Idee gekommen bin, doch einfach im See zu baden, wenn schon kein richtiges Meer in der Nähe ist. Von den Einheimischen wurde ich für vollkommen verrückt erklärt, als ich mich danach erkundigt habe, ob es den gefährlich sei im See zu schwimmen. Nach einigen Minuten wurde mir dann aber doch versichert, dass es völlig ungefährlich sei, aber halt einfach verdammt kalt. Nun ja, kalt ist halt relativ. Ich fands jetzt nicht wirklich kälter als die Ostsee im März, aber auch ist ja nicht jedermanns Sache. Danach sind wir dann nach Copacabana zurück gekehrt, wo wir unsere letzte Nacht verbracht haben. Am Montag ging es dann zurück nach La Paz, wo wir einen Nachmittag Aufenthalt hatten um die Altstadt zu besichtigen bevor es dann am Abend im Bus zurück ging nach Cochabamba.
21. Oktober 2009, Stadt im Ausnahmezustand!?!?
... naja, zumindest ein bisschen! Am letzten Wochenende war in Cochabamba eine Versammlung der ALBA. Für alle Leute denen das nicht viel sagt (mich eingeschlossen) hier eine kurze Erklärung dazu: Die ALBA ist eine Organisation einiger Südamerikanischer Staaten mit dem Ziel eine bessere Integration zwischen den lateinamerikanischen Völkern zu erreichen. Zu den Mitgliedern gehören im Moment allerdings nur Bolivien, Venezuela, Ecuador, Kuba, Nicaragua und ein paar kleine Karibikinseln ... aber egal, auf alle Fälle waren für drei Tage Evo Morales, Boliviens Präsident, und Hugo Chavez, Venezuelas Präsident, in der Stadt.
Gewohnt haben sie in einem Hotel nur ca. 800 m von meinem derzeitigen zu Hause entfernt und somit konnte ich den Trubel um die beiden direkt miterleben. Ab Donnerstag morgen war ein großteil der Straßen in meinem Viertel gesperrt und zum ersten Mal hab ich Polizei pratoullieren gesehen, ein wirklich seltener Anblick. Am Samstag wimmelte es dann in den umliegenden Straßen nur so von Polizei, schwerbewaffnete Einheiten mit der Shotgun quasi dauerhaft im Anschlag lungerten vor dem Hotel der Präsidenten herum ... das komische daran war aber, dass diese Polizisten eigentlich gar nichts interessiert hat. Ich konnte mich ohne jegliche Kontrolle erleiden zu müssen, bis auf 10 m dem Hoteleingang nähern und Evo und Chavez direkt aus der Nähe fotografieren. Was mich auch sehr erstaunt hat, war das nur ca. 30 Schaulustige am Samstag zum Hotel gekommen sind um die Präsidenten zum Abschluss ihrer Versammlung noch mal zu sehen; und fast die Mehrheit davon waren auch noch ausländische Touristen. In Cochabamba scheint der bolivianische Präsident halt nicht sehr beliebt zu sein ... Danach gings dann noch ins Stadion der Stadt wo die Präsidenten noch großen Reden zum Sozialismus gehalten haben. Ich muss sagen, auch wenn ich nicht viel von Chavez´ Politik halte, er ist doch ziemlich carismatisch ....
Am Wochenende hab ich dann auch noch einen Ausflug ins Umland von Cochabamba unternommen. Einfach rein in nen Bus und mal sehen wo´s lang geht. Es war recht interessant und vor allem die Landschaft fasziniert mich immer wieder aufs neue, aber auf dem Lande wird einem doch wieder in aller Härte bewusst, dass Bolivien eines der ärmsten Länder Amerikas ist. Während ich mich in der Stadt doch schon eher in den etwas besseren Stadtteilen aufhalte, gibt es auf dem Lande keine Möglichkeit der Armut auszuweichen. Ich habe versucht einige meiner Eindrücke auf Fotos festzuhalten, aber ich glaube nicht, dass diese den Zustand der Häuser, den Müll und die Trostlosigkeit realistisch wieder geben können.
So, eine kleine Sache von meiner Arbeit muss ich noch berichten, etwas, das mich fast an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Ich hab in der letzten Woche Englischhausaufgaben mit einigen Mädchen aus der 9. Klasse gemacht. Dass sie die Englische Sprache nicht wirklich beherrschen hab ich mir schon gedacht, dass sie wollten, dass ich ihnen die Übersetzung diktiere hat mir dann ein bisschen missfallen, aber das haben wir mit einem Kompromiss geregelt. Bevor wir dann aber eigentlich anfangen konnten, musste ich erstmal die Aufgaben korrigieren!!! Der Lehrer hat es doch tatsächlich geschafft in zehn englische Sätze selbst mindestens fünf Fehler reinzuknallen, sodass es für die Mädchen eigentlich teilweise unmöglich gewesen wäre, diese zu übersetzen!!! Da fragt man sich doch wirklich wie das sein kann. Mit solchen Lehrern wundert es mich nicht, dass dieJugendlichen hier fast kein Englisch können ....
11. Oktober 2009, bolivianischer Alltag
So langsam hat mich der bolivianische Alltag gepackt. Seit zwei Wochen bin ich jetzt schon vollzeit am arbeiten. Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht! Mein Arbeitstag sieht etwa wie folgt aus: für die Vormittage wurden mir insgesamt vier Schüler zugeteilt mit denen ich jeweils zwei Mal die Woche Einzelunterricht mache. Bei zwei Schülern pro Vormittag bin ich dann auch gute drei Stunden beschäftigt. Meine Hauptaufgabe besteht darin sicher zustellen, dass die diese Schüler noch in das nächste Schuljahr versetzt werden. Da Bolivien ja auf der anderen Erdhalbkugel liegt beginnen die großen Sommerferien hier im Dezember und das Schuljahr endet somit bald. Die Probleme meiner Erstklässler liegen zum großen Teil darin, dass sie das Alphabet noch nicht beherrschen oder nicht mal die Zahlen bis 20 können. Da das bolivianische Schulsystem mit seinen großen Klassen und teilweise nicht sehr gut ausgebildeten Lehrern auf diese Schüler kaum Rücksicht nehmen kann, sind wir Freiwilligen die einzige Möglichkeit für diese Kinder doch noch versetzt zu werden. Diese Arbeit mit den Kindern macht mir ziemlich viel Spaß und es ist schön zu sehen wenn die Kinder Fortschritte machen.
Nachmittags betreue ich dann eine Gruppe von Zweitklässlern bei ihren Hausaufgaben und spiele mit ihnen in der restlichen Freizeit. Das kann manchmal schon ziemlich anstrengend werden mit so vielen Kindern in einer Gruppe. Vor allem dann wenn sie keine Lust haben ihre Hausaufgaben zu machen oder sich streiten. Die meisten dieser Kinder kommen aber nicht weil sie wirklich Probleme mit dem Stoff haben, sondern weil sie zu Hause einfach nicht die Möglichkeit haben ihre Hausaufgaben zu machen. Das kann einfach nur daran liegen, dass ihnen ein Stift oder gar ein Tisch fehlt oder aber auch daran, dass der Vater Alkoholiker ist. Diese Armut täglich direkt mit zubekommen ist schon ziemlich hart …
Ansonsten hat sich für mich persönlich auch noch einiges geändert in der letzten Woche. Am vergangenen Wochenende bin ich in eine bolivianische Gastfamilie umgezogen. Es ist nicht so, dass ich mich mit den anderen Deutschen in der WG nicht verstanden hätte, aber die Tatsache, dass halt zu Hause nur Deutsch gesprochen wurde hat mich doch schon etwas gestört. Meine Familie ist sehr nett und wohnt etwas dichter am Zentrum im dritten Stock eines Mietshauses. Das Gute ist, dass ich jetzt nicht mehr mit der Hand waschen und mir keine Sorgen mehr um mein Essen machen muss … jedenfalls bis Dezember bis ich dann wieder hoch nach Tirani ziehe. Aber deshalb bin ich nicht umgezogen, das ist eher nur ein netter Nebeneffekt. Umgezogen bin ich um in der Gastfamilie mein Spanisch zu verbessern und mehr über die bolivianische Kultur zu lernen. Denn in meinen ersten vier Wochen habe ich eigentlich eher an Bolivien vorbei gelebt ….
21. September 2009, Hauptsache das Coca reicht!
Mein letzter Bericht ist zwar erst zwei Tage her, aber ich moechte trotzdem schon ueber mein Wochenende berichten. Gestern gab es eine Extremerfahrung die mich bis an meine Grenzen gebracht hat .... 5200 Meter!!! Wir sind mit einer Gruppe Freiwilliger und einem bolivianischem Fuehrer auf den Berg Tunari hinaufgestiegen. Der Tunari ueberragt das ganze Tal von Cochabamba und ist der letzte Fuenftausender der oestlichen Andenkordillere vor dem Abstieg ins Tiefland. Ueber eine eher schlechte und enge Bergstrasse vorbei an relativ steilen Abhaengen gings mit dem Auto erstmal hinauf bis auf ca. 4000 m, in eine Gegend wo man eigentlich nur noch Lamaherden trifft ....
Von hier aus gings dann los zu Fuss. Einen Weg gab es nicht und so mussten wir uns ueber einige kleine Wiesen, vorbei an Lagungen und dann ueber Geroell selbst voran kaempfen. Die Landschaft und die Stille und Einsamkeit in dieser Hoehe war ueberwaeltigend. Aber jeder Schritt und jeder Hoehenmeter verlangte seinen Tribut. Am Anfang ging es noch, aber ab ca. 4500 m wurde es fuer uns doch schon fast unmoelich ... zum Glueck hatten wir ja Coca. Genau Coca! Das ist die Pflanze aus der Kokain hergestellt wird und die nur in Bolivien und Peru legal angebaut wird. Cocablaetter kauen ist seit Jahrhunderten das Universalrezept der Indigenas hier in den Anden, und was soll ich sagen: es hilft tatsaechlich, auch wenn es grausam schmeckt! Ich hab durch das Cocakauen weder Schwindelgefuehl noch Kopfschmerzen bekommen und nach vielen Pausen haben wirs dann nach 5 Std bis zum Gipfel geschafft. Die Aussicht war ueberragend schoen und das Gefuehl auf dem Gipfel zu stehen und zu sehen wie sich die Welt unter einem ausbreitet ist einfach unbeschreiblich.
Der Abstieg war dann weniger angenehm, obwohl die Landschaft immernoch faszinierend blieb. Aber waehrend des 2,5 Std langen Abstiegs hat sich der grosse Hoehenunterschied doch schon bemerkbar gemacht, trotz des Coca habe ich Kopfschmerzen bekommen. Aber die konnten mir meinen perfekten Tag nicht mehr vermiesen. Am Ende bin ich dann ziemlich kaputt zu Hause in mein Bett gefallen und habe erstmal 12 Std geschlafen ...
19. September 2009, Traenengas und Incaruinen
In der letzten Woche ist mir meine neue Heimat um einiges naeher gekommen! Angefangen hats letztes Wochenende als wir am Samstag die Ruinen von Inka Llajta besucht haben. Nach ca. 3 Std abenteuerlicher Fahrt durch die Anden auf Strassen, die Deutschland wahrscheinlich schon laengst gesperrt waeren, kamen wir an auf 3000 Meter Hoehe. Die Ruinen waren ein beeindruckendes Erlebnis, abgeschieden von jeglicher heutiger Zivilisation fanden wir die ueber 700 Jahre alten Reste einer grossen Inkametropole. Aber auch hier in den abgeschiedenen Bergen leben heute noch Menschen, so wie die Parkwaechterin, die leider nicht mal in der Lage war unsere Fragen zu beantworten, weil sie halt nur Quechua und kein Spanisch spricht.
Am Sonntag kam dann der Kontrast, das "moderne Bolivien": wir haben uns hier in Bolivien ein Fussballspiel des Traditionsclub Wilstermann angeguckt. Im Stadion versteht sich. Da wir uns aber noch nicht so auskannten in dem Stadtion, fanden wir uns zu Beginn des Spiels direkt im Fanblock der treuesten Wilsterfans wieder. Man muss dazu wissen, dass Wilster seit 60 Jahren in der 1. Liga spielt und diese Saison das erste Mal abstiegsgefaehrdet ist .... dementsprechend angespannt war die Stimmung dann auch. Zwischen all den huepfenden, singenden und tanzen Wilsterfans hab ich dann auch schnell die einfachsten Fangesaenge aufgeschnappt und mit gefeiert. Brisant wurde die Lage dann in der zweiten Halbzeit als noch immer kein Tor gefallen war und Wilster einen Elfmeter verschoss. Die Fans haben dann angefangen noch staerker als in der ersten Halbzeit die Gegner, die Polizei und die Schiedsrichter zu beleidigen. Zudem flogen auch Feuerwerkskoerper in Richtung Einsatzkraefte, die dann prompt mit einer Ladung Traenengas antworteten .... und ich mitten drin!!! Das atmen war fast unmoeglich und wir (also die anderen Freiwilligen) haben uns dann doch in eine friedlichere Ecke der Tribuene verzogen. Zumal die Polizei dann auch noch auf die Tribuene vorgerueckt ist. Und ich moechte dazu erwaehnen, dass die hier eher ausgeruestet ist wie Militaer, also in Gruppen von 5 bis 6 Leuten bewaffnet mit jeweils einer 1,5 Meter langen Shotgun. Zum Glueck hat Wilster dann doch noch gewonnen und am Ende war die Stimmung ziemlich froehlich und ausgelassen ....
Ansonsten hab ich die Woche ueber meinen Sprachkurs weitergemacht und nachmittags in Tirani gearbeitet. Die Kinder haben sich schon gut an uns Freiwillige gewoehnt und freuen sich immer wenn wir kommen. Aber die lassen uns keine ruhige Minute und es ist schon anstrengend sie dazu zu bringen ihre Hausaufgaben zu machen!
12. September 2009, 19:00
Zwei Wochen! So lange bin ich jetzt schon in Bolivien, unglaublich. Ich weis gar nicht wo ich anfangen soll mit schreiben ....
In der ersten Woche habe ich sofort gelernt was bolivianisch Gelassenheit bedeutet und was es mit der "bolivianischen" Zeit auf sich hat. Eigentlich sollte unser Sprachkurs ja schon am 1.09. anfangen, los gings dann aber erst am 08.09. Erst wurde der Beginn mangels guter Plannung mehrmals verschoben und dann kam uns auch noch die bolivianische Streikfreude dazwischen. Am letzten Mitwoch war die gesamte Stadt lahm gelegt weil alles Bus und Taxifahrer gestreikt haben ... interessiert hats die meisten aber irgendwie nicht. Hier geht halt alles langsamer! Auch wenn man zwei Stunden zu spaet kommt, man ist immer noch puenktlich. Naja, daran muss ich mich erstmal gewoehnen ....
Dafuer hatten wir dann erstmal Zeit um ein bisschen in unser Projekt eingefuehrt zu werden. Der Kindergarten in dem ich eigentlich arbeiten sollte, ist uebrigens noch gar nicht gebaut. Aber macht nix, es gibt auch so genug zu tun. Morgens ist immer "Apollo individual", das heist einzelne Nachhilfe fuer Schueler der 1. und 2. Klasse, die zu Teil noch nicht das Alphabet beherrschen. Nachmittags ist dann in Gruppen Hausaufgabenhilfe und Freizeitgestaltung. Im Moment uebernehmene das noch die alten FW, aber lange bleiben die nicht mehr. Anfang Oktober werden wir neuen das dann komplett uebernehmen, aber erstmal machen wir unseren Sprachkurs fertig. Mein Spanisch ist schon recht gut, ich versteh einiges, aber das sprechen faellt mir noch etwas schwer ... ich hoffe das gibt sich mit der Zeit. Mit den Kindern versteh ich mich aber jetzt schon super. Die sind alle total offen und zutraulich und kamen sofort angestuermt als wir das erste mal in Tirani (meine Einsatzstelle) waren ....
Mit den anderen FW habe ich schon die Stadt erkundet. Am Wochenende sind wir zum Cristo hoch gewandert. Das ist uebrigens die groesste Christusstatue der Welt, groesser als die von Rio de Janiero.
31. August 2009, 12:00
Geschafft! Ich bin am Ziel. Gestern morgen um ca. 4:00 nachts sind wir nach einer schlaflosen Busfahrt endlich angekommen in Cochabamba. Am Busterminal wurden wir dann von anderen Freiwilligen und der Verantwortlichen von Cristo Vive abgeholt. Ich wohnen im Moment mit zwei anderen FW von Amntena, zwei Studentinnen und einer Krankenschwester in einer WG zusammen. Unser Haus liegt in den noerdlichen Bergen von Cochabamba und wir haben einen fantastischen Blick auf die ganze Stadt. Das Haus wurde von der Fundacion erst vor ein paar Wochen gemietet und ist deshalb auch noch nicht komplett moebliert. Ausserdem funktioniert die Wasserpumpe noch nicht richtig und deshalb wird das duschen immer zum Gluecksspiel ob mans denn auch schafft das Shampoo wieder los zu werden ... aber das sind fuer bolivianische Verhaeltnisse eher kleine Probleme.
Morgen beginnt mein Sprachkurs und nachmittags werde ich die Einsatzstelle kennenlernen. Also habe ich heute noch etwas Zeit um mir die Stadt anzugucken und mich etwas zurecht zufinden. Gestern haben wir uns ein Fussballspiel angeguckt, mit den Anden als herrlicher Kulisse im Hintergrund. Bis jetzt ist mir Stadt ziemlich sympathisch.
29. August 2009, 1:51 pm
So, endlich bin ich da .... naja, wenigsten schon mal in Bolivien!!! Nach planmaessiger Ankunft in Buenos Aires und einem Tag Aufenthalt, bei dem ich wenigsten ein bisschen dieser Metropole sehen konnte, ging es los nach Cochabamba. Was jedoch ein 5 Sterne Reisebus seien sollte, entpuppte sich als totale Katastrophe. Abgesehen von der nichtfunktionierenden Klimaanlage, der inakzeptablen Bordtoilette und dem Essen, das nicht wirklich vertrauenswuerdig war, kam der Hoehepunkt mitten in der argentinischen Pampa. Gelangweilt von der eintoenigen Landschaft und der sich staendig wiederholenden DVD von "I am Legend" wurden wir je aus unserem Schlaf gerissen, als ploetzlich die Frontscheibe im Obergeschoss unseres Doppeldeckerbusse sich bedrohlich weit nach innen woelbte und zu brechen drohte. Den grossen Riss hatten wir natuerlich schon am Anfang bemerkt, ueber nacht hat er sich aber ungewoehnlich schnell vermehrt, sodass nach deutschen Massstaeben ein Weiterfahrt eigentlich nicht mehr moeglich waere. Mitten auf diesem gottverlassen argentinischem Highway, kam dann aber unser Busfahrer auf eine rettende Idee. Einfach die fast komplett gerissene Scheibe mit Klebeband stabilisieren ... willkommen in Suedamerika!!!!!!!! Wir haben dann natuerlich sofort unsere Plaetze ins hintere Teil des Busses verlegt, aber wirklich sicher haben wir uns da auch nicht gefuehlt.
Angekommen in Santa Cruz, der 2. groessten Stadt Boliviens, hat dann aber auch der Busfahrer endlich eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann und laesst den Bus reparieren .... was bedeutet, dass wir hier jetzt erstmal festhaengen. Mit etwas Glueck gehts dann aber heute abend noch weiter, 10 Std Busfahrt hinauf in die Anden bis Cochabamba.
Viva Bolivia!!!
